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Drei Wege, sein Selbstwertgefühl zu steigern

Autor

Georgiy Michailov

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Oder: Worauf es beim Selbstwert wirklich ankommt

In meinen jüngsten „Thoughts for Leaders“ (Unser Selbstwertgefühl und das Leiden als "Baseline" des Lebens) ging es um die Ausbildung unseres Selbstwerts in der Kindheit. Grundsätzlich ist es ja immer besser, mehr Selbstwert zu empfinden als weniger. Wie sagte der Amerikaner Maxwell Maltz einmal so treffend:

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„Ein geringes Selbstwertgefühl ist, als führe man mit angezogener Handbremse durchs Leben.“

Was mich dabei beruhigt, ist die Erkenntnis, dass auch die Besten der Besten das Gefühl der Unsicherheit kennen. Selbst der 2020 tödlich verunglückte Kobe Bryant, unumstritten einer der besten Basketballspieler aller Zeiten, sagte einmal:

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„I have self-doubt. I have insecurity. I have fear of failure. I have nights when I show up at the arena and I'm like, 'My back hurts, my feet hurt, my knees hurt. I don't have it. I just want to chill.' We all have self-doubt. You don't deny it, but you also don't capitulate to it. You embrace it.“

Eine weitere wichtige Botschaft von ihm lautete:

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„Confidence comes from preparation.“

Das Leben mit all seinen Herausforderungen anzunehmen, damit umzugehen und vorbereitet zu sein – das ist genau die richtige Einstellung. Denn wir können in jedem Alter maßgeblich Einfluss auf unseren Selbstwert nehmen, völlig unabhängig von unserer Erziehung oder gar von unserer genetischen Prädisposition.

Wichtig ist allerdings: Dieser Einfluss darf nicht von außen kommen. Weder die Zahl unserer Social-Media-Follower noch die teuersten Uhren oder Autos wirken sich nachhaltig auf unseren Selbstwert aus, denn dann würde dieser komplett von der Meinung (respektive der Laune) anderer abhängen. Dies wäre gleich in zweierlei Hinsicht ungünstig: Erstens würden wir damit die Verantwortung für unsere eigene Gefühlswelt nach außen abgeben, zweitens würden wir in der Folge tendenziell konformistisch handeln, um den anderen zu gefallen. Die Stärkung des eigenen Selbstwerts muss somit von innen kommen. Dies ist kein Plädoyer gegen materielle Erfolge, gegen materiellen Genuss per se. Nur durch Verzicht glücklich werden zu wollen, gleicht auch einem sehr steinigen Weg. Da halte ich es lieber mit dem Unternehmer und Lebensphilosophen Naval Ravikant, der einmal sagte:

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„It’s easier to fulfill your material needs than to renounce them.“

Früher gingen Menschen, die sich vom Materiellen lösen wollten, ins Kloster. Allerdings haben sich nur die wenigstens Mönche als wahrhaft erleuchtet erwiesen. Vielleicht ist es da doch besser, einfach eine gewisse finanzielle Sicherheit zu erlangen, um simple Gründe von Unzufriedenheit zu eliminieren. Nur muss einem dabei stets klar sein, dass wir allein im Materiellen weder die Erfüllung unseres Lebens noch einen gesunden Selbstwert entdecken werden.

Ein potenzieller Schlüssel zur Steigerung des Selbstwerts könnte im eigenen Handeln und in den eigenen Urteilen liegen. Bezogen auf die inneren Urteile gefällt mir dieser Gedanke von Nathaniel Branden, dem Psychologen und Bestsellerautor:

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„In the inner courtroom of my mind, mine is the only judgment that counts.”

Ebenso eine zweite Aussage von ihm:

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„Genuine self-esteem is what we feel about ourselves when everything is not all right.”

Nur aus sich selbst heraus Urteile zu treffen, ist wahrlich nicht einfach und muss geübt werden. Doch auch zu handeln, kann schwerfallen. „Leiden ist leichter als Handeln“, sagte schon Sigmund Freud! Was nicht bedeuten soll, dass Leiden besser ist, sondern dass es manchmal bequemer sein kann, die Haltung des Opfers einzunehmen (und dabei auch unbewusst auf das Mitleid der anderen zu hoffen). Kurzfristig mag dies für einen funktionieren, doch langfristig ist diese Haltung zum Leben kaum befriedigend.

Gerne greife ich einen interessanten Gedanken unbekannter Herkunft auf, der die Hölle wie folgt beschreibt:

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„The last day you have on Earth, the person you became meets the person you could have become.”

Ehrlicherweise ist es das, was mir in meinem Leben Angst bereitet – dass ich mein Potenzial nicht vollständig entfalte. Daher verfolge ich bei der Steigerung des Selbstwerts vor allem meine innere Verpflichtung mir selbst gegenüber und setzte auf das Konzept von Nathaniel Branden:

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„Self-esteem is the reputation we acquire with ourselves.”

Es gibt eine Vielzahl von Ansätzen, diesen Weg zu beschreiten. Ich habe mich bewusst und absolut subjektiv für die folgende Triade entschieden:

1.     Die Macht meiner Körpersprache

2.     Mein mentales Fitnessstudio

3.     Mein persönlicher Lebenssinn

Hier ein paar Gedanken zu jedem dieser drei Ansätze.

1. Die Macht meiner Körpersprache

Ich fange mal mit dem vermeintlich einfachsten Ansatz zur Steigerung des eigenen Selbstwerts an – mit der Köperhaltung. Dabei greife ich auf die Philosophie von Amy Cuddy zurück, einer Sozialpsychologin, die lange Jahre Professorin an der Harvard University war und mit fast 66 Millionen Klicks einen der drei weltweit meistgesehenen TED-Talks gehalten hat. Dessen Titel macht ihre (wissenschaftlich untermauerte) Botschaft sehr klar:

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„Your body language may shape who you are.”

In mehreren Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass eine eindeutige Verbindung zwischen unserer Körpersprache und unserem Empfinden besteht. Vor allem das Konzept des „Power Posing“ hat durch Amy Cuddy massiv an Popularität gewonnen. Anfangs umstritten, wurden seine Effekte inzwischen untersucht und bestätigt. Dies gelang sowohl durch Metastudien als auch in Deutschland durch Robert Körner vom Institut für Psychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, der sich seit mehreren Jahren mit den Effekten des Power Posing befasst, unter anderem in Studien mit Kindern. Zwar ließen sich dabei keine expliziten Wirkungen auf den Hormonhaushalt nachweisen, dafür aber eindeutige Effekte auf die Stimmung. So zeigten Kinder, die eine offene, raumnehmende Haltung annahmen, bessere Laune und berichteten von einem höheren Selbstwert.

Zu den sogenannten Power-Posen gehört eine Körperhaltung mit geradem Rücken, angehobener Brust und offenen Armen. Bei Frauen gilt beispielsweise die klassische Pose von Wonder Woman – ein mehr als hüftbreiter Stand, die Hände in die Hüften gestemmt – als eine Power-Pose.

Die Schwierigkeit besteht auch hier darin, dass sich diese Machtposen und der Fokus auf die eigene Haltung nur schwer verinnerlichen lassen. Sie funktionieren für den Moment, sind aber auf Dauer schwer durchzuhalten. In meinem Podcast mit der Wirkungsexpertin Monika Matschnig (LeaderTalks ) habe ich diesen Aspekt sehr ausführlich besprochen. Sie empfiehlt für eine aufrechte Haltung, sich eine „virtuelle Erbse zwischen den Pobacken“ vorzustellen. Das richtet jeden automatisch aus ;)

Auch der kanadische Psychologe Jordan Peterson besteht in seiner melancholischen Art darauf, eine aufrechte Haltung einzunehmen, um dem Leben sicher entgegen zu treten:

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„to stand up straight with your shoulders back is to accept the terrible responsibility of life, with eyes wide open.”

2. Mein mentales Fitnessstudio

Bei diesem Ansatz greife ich sehr gerne auf Ratschläge des Persönlichkeitscoachs Jens Corssen zurück, der mit seinem Konzept des „Selbstentwicklers“ auch mein Leben sehr maßgeblich beeinflusst hat.

Seine erste Empfehlung: Trennen Sie zwischen der Person und dem eigenen Verhalten. Unser Verhalten können wir beeinflussen, unser Wesen hingegen nicht unbedingt. Ein guter Anfang ist dabei eine bewusste Entscheidung für die bedingungslose Selbstliebe – ohne Rücksicht auf all die Fehler, die wir bereits gemacht haben. Wir sind in dieser Entscheidung frei, von anderen absolut unabhängig, denn wir brauchen schließlich nur uns selbst, um uns lieben zu können.  

Der zweite Schritt ist, die eigene innere Reputation aufzubauen, um sich selbst über den Weg trauen zu können. Auf diesem Wege können wir unser „Selbstvertrauen“ wie in einem mentalen Fitnessstudio trainieren. Die Trainingseinheiten bestehen darin, dass wir uns etwas vornehmen und dieses dann auch tatsächlich einhalten. Managementexperte Reinhard K. Sprenger schrieb einmal: „Der Einzelne muss sich, um auch von anderen Individuen anerkannt zu werden, selbst diese klare Zusage geben. Dieser Anspruch zeigt sich im Handeln.“ Dabei bezog er sich auf das innere Commitment zu Vereinbarungen mit anderen, doch seine Worte lassen sich ohne weiteres auch auf Vereinbarungen mit sich selbst münzen.

Ähnlich wie im Gym starten Sie auch im mentalen Fitnessstudio mit einfachen Trainingseinheiten. Ich erinnere mich noch sehr gut an William H. McRaven, einem Admiral der US-Navy, der unter anderem die Operation zur Tötung von Osama bin Laden geleitet hat. Richtig berühmt machte ihn eine Rede vor den Absolventen der University of Texas at Austin im Jahr 2014, insbesondere der erste Rat, den er ihnen mit auf den Weg gab: Beginne jeden Tag damit, dass du dein Bett ordentlich machst. Das möge lächerlich klingen, doch wer sich daranhalte, habe schon früh am Morgen seine erste Aufgabe geschafft und eine Verpflichtung sich selbst gegenüber eingelöst. Das beflügele für den Rest des Tages.

Mit anderen Worten: Nehmen Sie sich etwas vor, das Sie kaum aus der Komfortzone bringt, jedoch dazu zwingt, jeden Tag daran zu denken und es auszuführen. Ein weiteres gutes Beispiel: Jeden Morgen einen Liegestütz zu machen, nur einen – und das für die nächsten 14 Tage. Nicht mehr, nicht weniger. Der überraschende Effekt: Bereits nach ein paar Tagen fühlt man sich durch diese lächerliche Übung besser, ja gewappnet für den Tag.

Was ich an solche Übungen sehr charmant finde, ist die systemische Herangehensweise. Denn es geht nicht nur um das Ziel, sich mehr Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen anzutrainieren, sondern um die Kontinuität und das System dahinter. Wie Scott Adams, der Bestseller-Autor und Erfinder von Dilbert, so pointiert zum Ausdruck brachte: „Ziele sind für Loser.“ Hochgesteckte Ziele, die nie erreicht werden, so wie die guten Vorsätze zu Neujahr, helfen niemandem, im Gegenteil – die Erfahrung, unsere Vorsätze doch nicht durchzuhalten, greift unser Selbstwertgefühl massiv an. Wichtiger und besser sind Systeme, bestehend aus kleinen Gewohnheiten, aus regelmäßig wiederkehrenden Schritten, ganz im Sinne von James Clear, Autor des Bestsellers „Atomic habits“, der (in meiner Übersetzung) sagt:

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„Du erreichst nicht das Niveau Deiner Ziele, sondern Du fällst auf das Niveau Deines Systems zurück.”

Mit einem System der Selbstverpflichtungen, die klein sind, die wir deshalb aber auch einhalten, können wir unseren Selbstwert über die Zeit deutlich steigern, denn damit erhöhen wir die Reputation uns selbst gegenüber. Und es geht nur um die eigene Reputation – nicht darum, wie viel teure, seltene Dinge man besitzt, wie man aussieht oder was man schon alles erreicht hat. Das Beste an diesem Ansatz ist: In mein eigenes mentales Fitnessstudio kann ich jeden Tag gehen, ohne Rücksicht auf andere oder auf die Vergangenheit nehmen zu müssen.  

3. Mein persönlicher Lebenssinn

Ans Ende meiner Triade habe ich bewusst den Sinn des Lebens gesetzt. Dieser liefert einerseits den Grund, nicht zu verzagen, vor allem bei Schwierigkeiten im Alltag, und ist andererseits vielleicht am schwierigsten zu fassen. Sind die ersten zwei Aspekte noch einigermaßen „mechanischer“ Natur, so ist der Sinn des Lebens deutlich anspruchsvoller und bereits seit Jahrtausenden ein Thema aller großen (und kleinen) Lebensphilosophen! Ich möchte in diesem Punkt mein Vertrauen Viktor Frankl schenken, dem 1997 verstorbenen österreichischen Neurologen und Psychiater, der meines Erachtens nach wirklich wusste, wovon er sprach, als er schrieb:

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„Wer um einen Sinn seines Lebens weiß, dem verhilft dieses Bewusstsein mehr als alles andere dazu, äußere Schwierigkeiten und innere Beschwerden zu überwinden.”

Auch der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche wusste schon früh:

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„Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie.”

Ich gebe sehr gerne zu, dass es eine sehr anspruchsvolle Aufgabe ist, die Frage zu beantworten, was genau das persönliche „Warum“, was mein Sinn des Lebens ist. Am Ende ist dieser Sinn zutiefst subjektiv. Ein allgemeingültiges Element dieses Sinns könnte jedoch darin liegen, die Verantwortung für sich selbst zu tragen und vor allem die Rolle des Opfers hinter sich zu lassen. Die Opferrolle ist Gift für den eigenen Selbstwert.  

Jeder wird seinen eigenen Lebenssinn finden oder bestimmen. Sehr ansprechend fand ich auch hierzu Ausführungen von Jordan Peterson:

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„Meaning is the bearing of sacrificial burden and that actually works to enrich and ennoble your life in ways that make the tragic element of it tolerable and to keep you from bitterness.”

Ich hatte eingangs Sigmund Freud mit seiner Aussage „Leiden ist leichter als Handeln“ zitiert. Peterson dreht diese Aussage gewissermaßen um, er bezeichnet das Handeln als Antidot für das Leiden und somit auch als einen akzeptablen Sinn des Lebens. Ich halte diese Heuristik für sehr einleuchtend, den Gedanken, dass wir uns bei allen Beschwernissen des Lebens stets die Frage stellen: Was ist mein nächster Schritt? Was nehme ich mir vor? Was halte ich dann auch wieder ein?

Schließen möchte ich noch einmal mit Viktor Frankl. Seine Botschaft lautete:

„(Es kommt) eigentlich nie und nimmer darauf an, was wir vom Leben noch zu erwarten haben, vielmehr lediglich darauf: was das Leben von uns erwartet. (…) Leben heißt letztlich eben nichts Anderes als: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt, für die Erfüllung der Forderung der Stunde.“

Georgiy Michailov Managing Partner Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)

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