25. August 2022

Warum intelligente Menschen es leichter haben

Autor

Georgiy Michailov

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Oder: Wie der g-Faktor unser Leben prägt

Als ich neulich hörte, dass zum Beispiel das amerikanische Militär nur Menschen mit einem gewissen Mindest-IQ in seine Reihen aufnimmt und sich bereit seit Jahrzehnten sehr intensiv mit dem Thema Intelligenz beschäftigt, war mein Interesse daran geweckt. Inzwischen habe ich mich eingehender mit der wissenschaftlichen Literatur zu diesem Forschungsgebiet auseinandergesetzt, und ich muss feststellen, dass der Intelligenzquotient die wohl aufregendste (und vielleicht einschüchterndste) Kennzahl für die kognitive Performance im Leben darstellt.

„Intelligence is the ability to adapt to change.“

Dieses Zitat wird gemeinhin Stephen Hawking zugeschrieben, dem berühmten britischen Astrophysiker, der als einer der intelligentesten Menschen seiner Zeit galt (IQ: geschätzt 160). Als er 2018 starb, konnte die Washington Post zwar trotz intensiver Recherche keinen Beleg finden, dass er den Satz je gesagt hatte. Dennoch scheint mir diese Definition sehr wertvoll, sehr passend, gerade in unserer heutigen, von ständigem Wandel geprägten Zeit.

Nach der klassischen wissenschaftlichen Definition ist Intelligenz – in den Worten der einschlägigen US-Forscherin Linda Gottfredson – „a very general mental capability that, among other things, involves the ability to reason, plan, solve problems, think abstractly, comprehend complex ideas, learn quickly and learn from experience … It is not merely book learning, a narrow academic skill, or test-taking smarts. Rather it reflects a broader and deeper capability for comprehending our surroundings – ‘catching on’, ‘making sense’ of things, or ‘figuring out’ what to do”.

Diese allgemeinen mentalen Fähigkeiten sind jedoch nicht unabhängig voneinander. Vielmehr korrelieren sie sehr stark miteinander. Das verbindende Element dieser Begabungen (auch „skills“ oder „s-Faktoren“ genannt) wird als g-Faktor (general factor of intelligence) bezeichnet. Dieser g-Faktor ist eng verbunden mit fluider Intelligenz.

Wichtig ist, den grundsätzlichen Unterschied zwischen Intelligenz und Intelligenzquotient zu verstehen. Das Konzept der Intelligenzmessung geht zurück auf Alfred Binet, den Psychologen und Begründer der Psychometrie. Er sollte im Auftrag des französischen Bildungsministeriums Kinder mit Lernschwäche durch eine Vielzahl unterschiedlicher Tests möglichst objektiv identifizieren, um eine Förderung zu erleichtern. Im Jahr 1905 gelang es ihm, relativ zuverlässig ein sogenanntes „Intelligenzalter“ zu bestimmen. So konnte er auf Basis der Testergebnisse sagen, ob ein 12-Jähriger wie ein 13- oder eher wie ein 10-jähriges Kind lesen konnte.

Der erste, der den Begriff des Intelligenzquotienten einführte, war der deutsche Psychologe William Stern. Er teilte das Intelligenzalter durch das Lebensalter, was eine Zahl ergab, die bald mit 100 multipliziert wurde. Somit versuchen klassische Intelligenztests das Niveau des g-Faktors zu messen und in eine möglichst objektive Zahl zu übersetzen – eben den Intelligenzquotienten (IQ).

An dieser Stelle muss ich auf ein weit verbreitetes Missverständnis aufmerksam machen. Der IQ ist nicht metrisch, nicht als kardinale Messgröße zu verstehen. Weder ist jemand mit einem IQ von 120 exakt 20 Prozent „schlauer“ als jemand mit einem IQ von 100, noch lassen sich IQs von Menschen aus verschiedenen Epochen ohne weiteres vergleichen. Der IQ eines Menschen ist nie für sich allein, sondern immer nur relativ zu den anderen Menschen aus der „gleichen“ Kohorte – seiner Kohorte – zu sehen.

Aktuell wird, um einen IQ auch bei Erwachsenen zu messen, eine Skala verwendet, die der amerikanische klinische Psychologe David Wechsler einst entwickelt hat, die „Wechsler Adult Intelligence Scale“ (WAIS). Dabei werden zehn unterschiedliche Subkategorien durch mehrere Tests abgefragt. Wechsler nahm an, dass Intelligenz in der Bevölkerung normal verteilt ist. Damit sehen wir eine klassische Gaußsche Glockenkurve, deren Mittelwert bei 100 angesetzt wird. Wir reden also zunächst über eine stochastische Sicht.

Demnach haben – bei einer Standardabweichung von 15 um den Mittelwert – 68 Prozent der Bevölkerung einen durchschnittlichen IQ zwischen 85 und 115. Insgesamt 95 Prozent der Bevölkerung weisen Werte zwischen 70 und 130 auf. Nur 0,1 Prozent haben wiederum einen IQ, der über 145 liegt. Allerdings braucht man dafür auch spezielle Tests, denn die „normalen“ Tests können dazu gar keine Ergebnisse liefern. Ein Beispiel, das im Grunde ein verkappter Intelligenztest ist, sehr stark mit dem g-Faktor korreliert und einen guten Messwert für die voraussichtliche Performance im Studium liefert, ist der klassische SAT-Test, der in den USA seit vielen Jahren über die Aufnahme an Universitäten entscheidet.

Natürlich ist die Intelligenzforschung und die IQ-Messung über die Jahre immer wieder kritisiert worden, sei es wegen der Definition von Intelligenz, der Konstruktion ihrer Tests oder der Rolle genetischer und sozialer Faktoren. Ich halte große Teile der Kritik für einseitig und unberechtigt. In meinen Augen gehören die Erkenntnisse der Intelligenzforschung zu den absolut bedeutendsten, weithin anerkannten Errungenschaften der Psychologie. Wer einen sehr guten Überblick und auch eine umfassende Reflexion des Themas wünscht, dem empfehle ich das Buch „The Neuroscience of Intelligence“ von Richard Haier, emeritierter Professor der University of California, Irvine, und eine Koryphäe auf diesem Gebiet.

Grundsätzlich bietet eine höhere Intelligenz sehr viele Vorteile im Leben J. So soll zum Beispiel schon Kurt Tucholsky gesagt haben:

„Der Vorteil der Klugheit besteht darin, dass man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.“

Selbst aus der Warte der Effektivität hilft höhere Intelligenz, erlaubt sie einem doch, kognitiv auch mal „niedrigtourig“ zu fahren und Energie zu sparen. So schreibt Haier: 

„Higher intelligence requires less brainwork.“

Den IQ zu messen, erlaubt eine relativ zuverlässige Prognose für mehrere Lebensbereiche, insbesondere solchen, in denen logisches Denken und Lernfähigkeit einen hohen Stellenwert haben, zum Beispiel im Studium oder in kognitiv fordernden Berufen. Das kann auf viele Menschen verstörend wirken, auf ganz unterschiedliche Weise – je nachdem, welcher Erfolgsideologie sie anhängen. So gibt es die konservative Erfolgsideologie, wonach es nur auf die harte Arbeit ankommt und der Rest vom Glück abhängt, und auf der anderen Seite der Skala die linksliberale Erfolgsideologie, wonach es allein auf die richtige Umwelt und Förderung ankommt, um Menschen konstruktivistisch zu entwickeln und ihnen zum Erfolg zu verhelfen. Wer nun einen geringen IQ aufweist, dem hilft weder harte Arbeit noch intensive frühkindliche Bildung, um in kognitiv herausfordernden Bereichen erfolgreich zu sein. Vielmehr hilft Förderung, einen höheren Intelligenzwert überhaupt erst voll zu entfalten.

Natürlich ist die Realität komplex. Zwar hat der g-Faktor einen sehr starken Einfluss auf die Lebensperformance, allerdings reicht er allein bei weitem nicht aus, um tatsächlich „erfolgreich“ zu sein. Dabei kommen selbstverständlich auch Elemente wie die soziale, emotionale Intelligenz ins Spiel, die Fähigkeit, mit anderen Menschen umzugehen, ihre Gefühle zu verstehen und Situationen richtig einzuschätzen.

Nichtsdestotrotz kann ein gewisser IQ in einzelnen Berufen mit hohen kognitiven Anforderungen und großer Verantwortung für andere Menschen auch eine Art „red flag“ darstellen. So muss jemand, der Kampfpilot bei der Bundeswehr werden möchte, gleich eine ganze Reihe von Tests bestehen, bei denen es um die körperliche Fitness und psychologische Fragen, aber natürlich auch die Intelligenz der Bewerber geht.

Die Bedeutung kognitiver Intelligenz nimmt in unserer immer komplexer werdenden Welt massiv zu. Die Herausforderungen werden immer anspruchsvoller, und mit ihnen die nötigen kognitiven Fähigkeiten, um sie zu bewältigen und erfolgreich durchs Leben zu schreiten.

Als Notiz am Rande sei erwähnt, dass eine hohe Intelligenz sogar mit der Lebenserwartung positiv korreliert. Dies legen zum Beispiel zwei Langzeitstudien nahe, bei denen einmal 1932 und einmal 1947 fast alle schottischen Kinder im Alter von elf Jahren am selben Tag den gleichen Test absolvieren mussten.

Was jedoch beeinflusst die Intelligenzwerte einzelner Personen? Sind es unsere Gene oder doch eher das Umfeld und sein Einfluss auf die Gene? Es liegt auf der Hand, dass sich ein gar nicht vorhandenes Potenzial selbst durch ein noch so günstiges Umfeld nicht entwickeln lässt, aber grundsätzlich spielen die Umweltfaktoren eine bedeutende Rolle bei der Entfaltung des genetischen Potenzials.

Genau dieses Zusammenspiel zwischen Genen und Umwelt untersucht die Epigenetik. Dabei deuten aktuelle Studien – unter anderem zu eineiigen Zwillingen – darauf hin, dass die Gene doch einen erheblichen Einfluss auf die Intelligenz haben und mit dem Alter bedeutender werden, wogegen die Umweltfaktoren in ihrer Bedeutung mit der Zeit abnehmen. Dabei geht es vor allem um die Ausbildung von Intelligenz bei Kindern und Jugendlichen. So hielt Danielle Posthuma, eine auf psychiatrische Genetik spezialisierte Professorin in den Niederlanden, auf Basis einer Zwillingsstudie mit Blick auf die Erblichkeit („heritability“) fest:

„The heritability estimate of general intelligence was 26% at age 5, 39% at age 7, 54% at age 10, 64% at age 12, and starting at age 18 the estimate grew to over 80%.“

Übrigens: Es gibt keine einzelne Genvariante, die Einfluss auf die Intelligenz eines Menschen hat, sondern rund 1270 solcher Genvarianten; jede für sich trägt nur sehr wenig zur Intelligenz bei. So bleibt es leider schwierig, eine Intelligenzpille zu entwickeln. J   

Wenn wir annehmen, dass der Einfluss der Genetik auf die Intelligenz so hoch ist, wie die meisten Studien aktuell nahelegen, hat das weitreichende Implikationen für unsere soziale Gesellschaftsstruktur. Denn wenn zum Beispiel entsprechend der Normalverteilung rund 16 Prozent der Amerikaner weniger als 85 IQ-Punkte vorweisen, dann sprechen wir über aktuell rund 53 Millionen Menschen, die sich durch jede noch so gute Bildungspolitik nur bedingt fördern lassen. Damit stellt sich eine soziale Frage, auf die eine US-Regierung adäquate Antworten finden muss: Wie lassen sich diese Menschen unterstützen, wo lassen sie sich am besten einsetzen, gerade in einer Gesellschaft, in der einfache Arbeiten schon heute zunehmend von Maschinen und KI übernommen werden? Je komplexer die Welt wird, desto schwerer dürfte es diesen Menschen fallen, wirtschaftlich erfolgreich zu sein.

In diesem Zusammenhang sei der so genannte Flynn-Effekt erwähnt. Jim Flynn, Professor für politische Studien und Intelligenzforschung in Neuseeland, fand in den 80er Jahren heraus, dass die IQ-Werte fast im gesamten 20. Jahrhundert über Generationen hinweg um 5 bis 25 Punkte je Generation zugenommen hatten. Das klingt erfreulich, doch Flynn gelangte zu dem Schluss, dass die Menschen nicht etwa intelligenter geworden waren, sondern durch Bildung, Fernsehen oder auch Videospiele lediglich besser „trainiert“ waren, etwa die nonverbalen Aufgaben in Tests erfolgreich zu bestehen. Neuere Forschungen sprechen zudem dafür, dass dieser Effekt seit einigen Jahren langsam verpufft.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Eine hohe Intelligenz ist nach allem, was bekannt ist, nur ein Faktor von vielen, die Einfluss auf „Erfolg“ im Leben haben. Allerdings stellt sie mit einem Einfluss von 20 bis 25 Prozent den mit Abstand größten Faktor dar! Zweitstärkster Faktor ist das Persönlichkeitsmerkmal Gewissenhaftigkeit (gemäß des Fünf-Faktoren-Modells der Persönlichkeitspsychologie) – doch mit 5 bis 10 Prozent kann er schon nur noch einen wesentlich geringeren Teil des Erfolgs erklären. Die restlichen 70 Prozent, sprich alle anderen bekannten Faktoren, die unser Leben positiv (oder negativ) beeinflussen, sind von deutlich kleinerer Bedeutung. Daher scheint es gerade ein einem so komplexen Umfeld, wie wir es heute erleben, von Vorteil, eher intelligenter als „dümmer“ zu sein.

Zum Schluss ein Tipp für jeden, der sich fragt, was die Zukunft bereithält: In unserem Leader Talk mit Europas innovativstem Trendforscher Sven Gabor Janszky haben wir kürzlich unter anderem versucht, die Frage zu beantworten, ob Saturiertheit unsere Innovationskraft und somit unsere Zukunft gefährdet.

SMP LeaderTalks


Georgiy Michailov
Managing Partner
Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)
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