28. Juli 2022

Warum uns eine Bucket List nicht glücklich macht

Autor

Georgiy Michailov

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Oder: Wie man aus der hedonistischen Tretmühle ausbricht

Das westliche Verständnis von Glück basiert nicht selten auf dem Prinzip des „mehr und mehr und noch mehr“.

Eine Idee, die auf diesem Prinzip aufbaut, ist die sogenannte „Bucket List“ – eine Liste von Dingen, die man in seinem Leben noch erleben oder erreichen möchte. Die Besteigung des Kilimandscharo. Klavierspielen lernen. Ein Buch schreiben. Es ist eine sehr beliebte Idee: Aktuell zeigt Google rund 114 Millionen (!!) Einträge zu diesem Thema an! Die Faszination besonderer Zielmarken im Leben ist offensichtlich sehr stark ausgeprägt und lässt Menschen das Glück „jagen“. Das Problem dabei ist, dass das irgendwann „erlegte“ Glück in aller Regel nicht von dauerhafter Natur ist!

Bereits nach kürzester Zeit kehrt der Mensch – trotz Erreichen der Meilensteine – zum ursprünglichen Zustand zurück. Der Grund dafür ist die sogenannte Homöostase, ein Streben nach Gleichgewicht. Eingeführt wurde dieser Begriff vom amerikanischen Physiologen Walter B. Cannon mit seiner Arbeit „The Wisdom of the Body“ im Jahr 1932. Demnach streben sowohl der Körper als auch die Psyche des Menschen ein Maximum an Stabilität an, um das Überleben zu sichern.

Im Fall einer Sucht kann es zu einem Missbrauch der Homöostase kommen, da der Körper zu Beginn weniger suchterregende Substanzen braucht, um einen Kick zu verspüren. Mit der Zeit führen die Homöostase und ein neues Gleichgewicht dazu, dass die Dosis erhöht werden muss und ein Fehlen der Substanzen zu einem Entzugsleiden führt.

Ähnliches gilt auch für emotionale Höhen und Tiefen. Schon allein evolutionsbedingt kann ein Mensch nicht dauerhaft glücklich sein. Alle dauerhaft Glückseligen sind einst von Smilodonen (Säbelzahnkatzen) aufgefressen worden. :) 

Wie formulierte der Journalist Daniel Sager so treffend?

„Glück hat ein Verfallsdatum.“

Wobei das natürlich zum Glück auch fürs Unglück gilt. Auf die innere Haltung und das richtige Wissen kommt es an.

Für die Leute, die vor allem beruflich nach sehr viel Erfolg streben, um in diesem Erfolg ihr Glück zu finden (oder ihr eigenes Selbstwertgefühl zu steigern), kann dieser Effekt der Homöostase sehr ungünstige Folgen haben. Sie brauchen nicht nur permanent größere Erfolgserlebnisse, um den Erfolg als solchen überhaupt noch auskosten zu können. Nein, irgendwann fühlen sie sich auch miserabel, sobald der Erfolg einmal ausbleibt.

Das Phänomen des permanenten Strebens nach Mehr wurde bereits 1971 von den beiden US-Psychologen Philip Brickman und Donald Campbell als hedonistische Adaptation beschrieben. Rund 20 Jahre später entwickelte ihr britischer Fachkollege Michael Eysenck daraus das eingängige Konzept der „hedonistischen Tretmühle“, die uns auf eine Jagd ohne glückliches Ende schickt.

Ganz neu ist auch diese Erkenntnis nicht. So wird bereits Niccolò Machiavelli, dem italienischen Philosophen und Diplomaten, der um das Jahr 1500 herum wirkte, eine sehr präzise Beschreibung dieses Phänomens zugeschrieben:

„Die Menschen sind niemals zufrieden; kaum haben sie etwas, so begnügen sie sich nicht mehr damit und begehren noch mehr.“

Heute jedoch, 495 Jahre nach Machiavellis Tod, sind wir dank der Wissenschaft ein Stückchen weiter. So wissen wir inzwischen, dass derlei Verhalten insbesondere auf den inzwischen berühmt gewordenen Neurotransmitter Dopamin zurückzuführen ist. So stellte Daniel E. Lieberman, Professor für die Evolutionsbiologie des Menschen an der Harvard University, einmal klar:

„Dopamine has no standard for good and seeks no finish line. The dopamine motto is ‚more‘.”

Aus diesem Grund vergeht übrigens auch das Gefühl der Verliebtheit – aber das ist ein Thema für eigenen größeren Beitrag :-)

Klar ist: Wo immer unsere Hormone eine ausgeprägte Rolle spielen, da ist die Evolution beteiligt. So auch hier. Denn jene, die „mehr“ hatten, hatten über die Jahrtausende in aller Regel auch eine höhere Chance zu überleben.

Nicht zuletzt dank dieses Phänomens funktioniert auch unsere Marktwirtschaft so erfolgreich, denn wir treiben das Wirtschaftswachstum mit unserem immer anspruchsvolleren Streben nach Wohlstand an. Die Rufe nach weniger Konsum und weniger Erfolgsstreben sind nachvollziehbar, auch interessant, in der Praxis jedoch kaum umzusetzen. Laut Verhaltensforschern hat der Mensch einfach eine gewisse „Funktions- oder Bewegungslust“ inne, die er befriedigen möchte, um sich besser zu fühlen. Vor allem für die Menschen in den Ländern, in denen der Wohlstand noch relativ niedrig ist, werden solche westlichen Rufe z.B. nach weniger Konsum zu Gunsten der Nachhaltigkeit eher heuchlerisch klingen.

Die Glücksforschung fragt, inwiefern dieses Streben nach Erfolgserlebnissen – respektive nach einem „Mehr“ – uns tatsächlich nachhaltig zufriedener macht. Sehr überraschend war für mich in diesem Zusammenhang eine Erkenntnis von Sonja Lyubomirsky, einer kalifornischen Professorin der Psychologie und Glücksforscherin. In ihrem Buch „The How of Happiness“ erklärt sie, dass bereits bis zu 50 Prozent (!) unseres Glücksempfindens durch unsere genetische Prädisposition bestimmt werden. Weitere 10 Prozent werden ihr zufolge durch äußere Umstände determiniert. Somit bleiben nur noch 40 Prozent, auf die wir selbst überhaupt aktiv Einfluss nehmen können.

Umso wichtiger scheint mir zu verstehen, dass diese 40 Prozent sehr bedacht eingesetzt werden sollten. Das Abhaken einer Bucket List in der bekannten Form (mit ihren meist eher materiellen Zielen) gehört höchstwahrscheinlich nicht dazu.

Eine aus meiner Sicht sehr interessante Lösung für das „glückliche“ Leben bietet Harvard-Professor Arthur C. Brooks an. Die klassische Bucket List adressiert aus seiner Sicht vor allem vier materielle Kategorien: Geld, Macht, Vergnügen oder Ruhm. Diese Kategorien dürfen nicht per se verteufelt werden. Auf ihnen basieren zu nicht geringen Teilen sowohl unsere Gesellschaft als auch unsere Möglichkeiten, die Welt besser zu machen. Auf der anderen Seite sind sie der hedonistischen Adaptation unterworfen, sprich sie können uns im Leben nicht langfristig zufriedener machen.

Ein möglicher Weg scheint mir zu sein, die eigene Verbundenheit mit diesen Dingen (das persönliche „attachment“) aufzugeben. Sich innerlich bewusst von ihnen zu lösen.

Eine andere, eher praktische Lösung könnte sein, nicht nur eine materielle Bucket List aufzustellen, sondern auch eine „reverse bucket list“, wie Arthur C. Brooks es nennt. Dabei stellt er sich sein Leben in fünf Jahren vor – und wie es von Glück erfüllt ist. Dabei greift er auf seine WERTE-orientierten „Glückstreiber“ zurück: seinen Glauben, die Familie, Freundschaften und eine Arbeit, die ihn zufriedenstellt und anderen hilft.

Wer diese zwei Listen fertig gestellt hat, so Brooks, möge die Einträge miteinander vergleichen, ganz im Sinne des Glücksgefühls, das sich bereits beim Streben nach diesen Glückstreibern einstellen wird. Anschließend bewerte man diese, bezogen auf die noch verfügbare Lebenszeit, den nötigen Ressourceneinsatz und die eigene Aufmerksamkeit.

Brooks selbst kommt zu dem Schluss:

„Satisfaction comes not from chasing bigger and bigger things, but paying attention to smaller and smaller things.”

Oder, mit anderen Worten: Lebe im Hier und Jetzt! Lasse die Gedanken nicht nach Materiellem streben, sondern nach Vergnügtheit heute – und damit nach Momenten, die uns auch in der Zukunft noch Glück bereiten. 

PS: Weitere spanende Beiträge zu diesen und weiteren Themen finden Sie in unserer neuen Podcastreihe

SMP LeaderTalks

Unter anderem Prof. Oberholzer-Gee von der Harvard University zum Thema „Warum die effektivste Strategie auf Werten und nicht auf Magie basiert“ oder auch Patric Heizmann, führender Gesundheitsexperte in Deutschland zum Thema „Fit.Fitter.Führen, Warum nur ein gesunder Lebensstil Höchstleistung auf Dauer ermöglich“.


Georgiy Michailov
Managing Partner
Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)
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