08. April 2022

Was uns Pygmalion und Galatea über den Erfolg verraten

Autor

Georgiy Michailov

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Oder wie man das eigene Potenzial entfalten kann!

Der Mensch ist ein soziales Wesen und bestrebt, sich in einem sozialen Umfeld einzuordnen, natürlich immer in Relation zu den anderen. Dies hilft einerseits, mit Herausforderungen umzugehen, das eigene Potenzial, die eigenen Stärken oder auch körperlichen Fähigkeiten besser einzuschätzen. Andererseits kann dieses Verhalten auch das eigene Wohlbefinden stören, vor allem wenn man in einer permanenten Schleife des Aufwärtsvergleich gefangen ist, mit dem sich wiederholenden Effekt eines Negativkontrasts. Denn wie sagte schon der dänische Philosoph Søren Kierkegaard: 

„Der Vergleich ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit."

So gesehen, ist die Lösung sehr einfach: Verzichte auf Vergleiche und werde glücklich! Das klingt sehr einleuchtend, ist in der Praxis jedoch schwierig umzusetzen. Einen etwas zielführenderen, wenn auch viel Disziplin erfordernden Ansatz bietet dafür der klinische Psychologe Jordan Peterson in seinem Buch „12 Rules for life“. Regel Nummer vier lautet darin: 

„Compare yourself to who you were yesterday, not to who someone else is today.”

Dies funktioniert jedoch nur dann, wenn man eine positive Entwicklung tatsächlich in Angriff nimmt. Die erfordert einen „Bestimmungsort“ sowie den Willen, etwas dafür zu tun, ihn auch tatsächlich zu erreichen. 

Hier hat mich Benjamin Zander, ein international anerkannter Dirigent, mit seinem Buch „The Art of Possibility“ inspiriert. Darin beschreibt er, wie er all seinen Studenten bereits in der ersten Stunde nicht nur die Bestnote gab, sondern sie auch aufforderte, bis zum nächsten Tag aufzuschreiben, welchen Wunschzustand sie zum Ende des Semesters erreicht haben wollten und warum sie die Note verdient hatten. 

Jeden Brief sollten sie wie folgt beginnen: „Dear Mr. Zander, I got my A because…“. Sie sollten, riet er, „place themselves in the future, looking back, and report on all the insights they acquired and the milestones they attained during the year, as if those accomplishments were already in the past. Everything must be written in the past tense. Phrases such as ‘I hope’, ‘I intend’ or ‘I will’ must not appear.” 

Eine Methode, die gleich mehrere Vorteile hat: Alle haben von Anfang an die Bestnote, somit gab es keinerlei Notwendigkeit zum sozialen Vergleich, auch keine Ablenkung. Zudem brachte er die Studenten dazu, sich Ziele zu setzen – verbunden mit einer Idee von den nötigen Schritten und einer von Beginn an optimistischen Grundstimmung. Schließlich hatten sie die Ziele ja erreicht, nicht wahr?

John C. Maxwell, ein Experte für Führungsfragen, Redner und Bestseller-Autor, verfolgt ganz ähnliche Gedanken, wenn er sagt: 

„Erfolgreiche und nicht erfolgreiche Menschen unterscheiden sich nicht groß in ihren Fähigkeiten. Sie sind unterschiedlich in ihrem Verlangen, ihr Potenzial zu erreichen.“ 

Dieses Verlangen zu entfachen, genau das ist das Ziel, wenn Zander seine Studenten dazu bringt, das Narrativ ihres Lebens zu ändern – und damit ihr Leben selbst. 

„In the measurement world, we set a goal and strive to achieve it. In the universe of possibility, we set the context and let life unfold." 

Richtig interessant wird dieses Narrativ, wenn man die Arbeit des amerikanischen Psychologen Robert Rosenthal und der Schuldirektorin Lenore Jacobson betrachtet, die 1965 in einem Feldexperiment die Interaktion zwischen Lehrern und Schülern untersuchten. Sie ahnten damals nicht, dass ihre Ergebnisse später noch vielen als Inspiration – und anderen als Anlass für Kritik – dienen sollten. 

Das Experiment lief in etwa wie folgt ab: Den Lehrern wurde vorgetäuscht, dass bestimmte Kinder einer Klasse nach Leistungspotenzial zu unterschiedlichen Gruppen gehörten (ohne es den Kindern mitzuteilen). Und siehe da: Die vermeintlich „besonderen“ Kinder bekamen zum Ende des Jahres deutlich bessere Zeugnisse als die in Wahrheit auch nicht anders zusammengesetzte Kontrollgruppe. Der Schluss daraus: Die hohen Erwartungen der Lehrer hatten dazu geführt, dass sie die vermeintlich begabten Kinder so gefördert, so ermutigt hatten, dass diese eine bessere Leistung an den Tag legten. 

Das Experiment erlangte eine gewisse Bekanntheit unter der Bezeichnung „Pygmalion-Effekt“. Diese rührt von der Geschichte des Pygmalion her, die insbesondere auf Ovids „Methamorphosen“ zurückgeht. Darin ist Pygmalion ein Künstler auf Zypern, der, von der Welt desillusioniert, nur noch für die Bildhauerei lebt, die elfenbeinerne Statue einer Frau erschafft, sich unsterblich verliebt – und die Statue dadurch zum Leben erweckt. Andere Autoren griffen diese Geschichte später auf und variierten sie. So kam die Statue auch zu ihrem Namen: Galatea. 

Die Kernbotschaft dieses Experiments hat schon Johann Wolfgang von Goethe sehr treffend formuliert:

„Behandle die Menschen so, als wären sie, was sie sein sollten, und du hilfst ihnen zu werden, was sie sein können.“

Verwandt mit dem „Pygmalion-Effekt“ ist, passend zur literarischen Entwicklung der Geschichte, der „Galatea-Effekt“. Dieser dreht sich weniger um die positiven Erwartungen anderer an sich als um die Wirkung dieser positiven Erwartungen auf die subjektiven Erwartungen einer Person. Der Psychologe Dov Eden kam durch Untersuchungen in den 1990er Jahren zu dem Ergebnis, dass sich die Performance von Mitarbeitern positiv beeinflussen lässt, wenn man nur deren eigene Erwartungen stärkt und somit ihre Selbstwirksamkeit erhöht.

Eine mögliche Erklärung für diesen Effekt lieferte – schon weit vor Edens Zeit – Carl Gustav Jung, der Begründer der Analytischen Psychologie. Er schrieb: 

„We are susceptible only to those suggestions with which we are already secretly in accord.”

Demnach fallen positive Erwartungen, die Ermunterung durch andere vor allem dann auf fruchtbaren Boden, wenn sie mit unseren eigenen, heimlichen Wünschen korrespondieren. 

Ich bin Laie, ich kann schwer sagen, ob es hier um Placebo-Effekte geht, um einen confirmation bias, um eine sich selbst selbsterfüllende Prophezeiung oder bloß um positive Schwingungen des Universums. Aber ich bin mir sicher: Es funktioniert. 

Haben Sie in der Praxis ähnliche Phänomene erleben können bzw. setzen Sie diese Ansätze auch in der Praxis ein?

Georgiy Michailov
Managing Partner
Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)
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