04. August 2020

Schwächelnde Elektromobilität trotz Subventionen: Sind Investitionen in die Infrastruktur für E-Mobilität dennoch gerade jetzt Game Changer?

Autor

Georgiy Michailov
Christian Stiefel

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Business-Blog

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Sind Subventionen und Steuersenkungen wirklich das Allheilmittel, um die Verbreitung der E-Mobilität voranzutreiben? Ein Faktencheck:

Damit diese ehrgeizigen Ziele erreicht werden können und um die Auswirkungen der Corona-Pandemie für die Hersteller abzumildern, hat die Bundesregierung im Juli 2020 die Förderbeiträge auf bis zu 9.000 Euro verdoppelt. Zusätzlich zur Mehrwertsteuersenkung von 19% auf 16% sollen so deutliche Kaufanreize für E-Fahrzeuge gesetzt werden (4).

Mit bisher 214.269 (Ende Juni 2020) Förderanträgen bleibt der Erfolg des Umweltbonus vor dem Hintergrund des im Jahr 2010 gesetzten Ziels, eine Million Elektroautos bis 2020 auf die Straßen Deutschlands zu bringen, zumindest hinter den Erwartungen zurück – auch wenn sich die Anzahl der Anträge im ersten Halbjahr 2020 gegenüber dem Vorjahr knapp verdoppelt hat. (5; 6).

Doch sind Subventionen und Steuersenkungen wirklich das Allheilmittel, um die Verbreitung der E-Mobilität voranzutreiben? Der bisher ausbleibende Durchbruch der E-Mobilität wird unserer Ansicht nach hauptsächlich durch folgenden Faktor gelähmt: Potenziellen Käufern fehlt schlicht die Möglichkeit, ihre Autos jederzeit und überall aufladen zu können. Um dies zu gewährleisten, gilt es folgende drei Herausforderungen zu meistern:

1.
Unzureichende Ladeinfrastruktur
E-Mobilität benötigt eine versorgungssichere (Schnell-)Ladeinfrastruktur, die es wohl erst in 10 Jahren geben wird.Um die Klimaziele der EU bis 2030 zu erreichen, müssten zwischen 33 und 44 Mio. Elektrofahrzeuge (EF) ans Netz gehen. Konkret bedeutet das einen Bedarf von bis zu 2,9 Mio. öffentlichen Ladepunkten, was einer Verzehnfachung der bisherigen öffentlichen Ladestationen entspricht. Das Problem: Wer investiert jetzt circa 20 Mrd. Euro in die Infrastruktur, wenn es erst 2030 genügend E-Autos für einen rentablen Betrieb gibt?

2.
Mangelnde Rentabilität
Fakt ist: E-Mobilität rechnet sich für die Betreiber von Ladesäulen (noch lange) nicht. Aktuell kommen auf eine Ladestation 6-7 E-Autos. Erst wenn die Marktdurchdringung der E-Mobilität sich signifikant erhöht, wird sich auch die Auslastung auf circa 15 E-Autos pro Ladestation verbessern. Umgerechnet liegen die Infrastrukturkosten pro E-Auto heute bei 800 Euro und sind somit etwa doppelt so hoch wie bei den prognostizierten Werten für das Jahr 2030 – kein allzu kleines Hindernis für potenzielle Betreiber.

3.
Instabiles Energienetz
E-Mobilität bringt Schwankungen ins Energienetz, die die Netzwerkstabilität gefährden. Umfragen zeigen, dass knapp 60% der Bevölkerung Ladezeiten von über 30 Minuten nicht akzeptieren. Um eine stabile und schnelle Versorgung zu gewährleisten, wären Ladeleistungen von 200 bis 350kW notwendig. Die Bereitstellung von Leistungen dieser Größenordnung für eine so kurze Dauer würde eine Instabilität im Stromnetz verursachen. Logische Folge: Mehraufwand für die Energieversorger und höhere Gebühren für Leistungsspitzen.

"Was jetzt zu tun ist: Pro und Contra für Investitionen in die Ladeinfrastruktur."

Blicken wir in die Zukunft: Diese fünf Fakten sprechen derzeit für und gegen Investitionen in die Lade-Infrastruktur und können eine Grundlage bieten für eine zielführende Diskussion:

Pro: Thema Fahrzeugflotten
Die aktuellen E-Autos bieten inzwischen akzeptable Reichweiten und praxistaugliche Ladezeiten und die Hersteller arbeiten kontinuierlich an weiteren Verbesserungen. Beides sind gute Voraussetzungen für eine stetig steigende Nachfrage.

Contra: Thema Tank- vs. Ladeverhalten
Es ist noch längst nicht klar, ob E-Auto-Nutzer ihr Tankverhalten von „Volltanken“ auf „unterwegs sparsam, zu Hause volltanken“ umstellen wollen bzw. werden. Das müssten sie aber aktuell, da sonst die Kapazitäten nicht ausreichen.

Pro: Thema Firmen-Ladeinfrastruktur
Unternehmen werden ihr Firmengelände mit Ladesäulen ausstatten müssen, um ihren Mitarbeitern und Kunden ein attraktives Angebot machen zu können.

Contra: Thema Öffentliche Parkplätze mit Ladesäulen
Dringend benötigt werden sie – die Frage bleibt, wer die Kosten übernimmt: der Säulenbetreiber, der Energieversorger, die Gemeinde, der Einzelhändler – oder etwa die Autofahrer?

Pro: Thema Chancen für neue Kooperationen und Geschäftsmodelle
Ein Outlet mit Ladesäulen ist für E-Mobilisten grundsätzlich attraktiver als eines ohne. Es könnte deshalb lukrativ sein, wenn Tankstellenbetreiber, Parkraumbewirtschafter, Mobilitätsdienstleister und OEM‘s Kooperationen eingingen und ihre Geschäftsmodelle den neuen Gegebenheiten anpassen würden.

Fazit:

Zusammenfassend kann man sagen: Die Ladeinfrastruktur ist und bleibt der Game-Changer für den Durchbruch der E-Mobility v.a. für die breiten Massen in Deutschland. Die Redimensionierung des eigenen Geschäftsmodells muss nicht nur die weiteren Verzögerungen im Markt konservativ bewerten, sondern auch die grundsätzliche Frage beantworten, welche Technologie die beste strategische Monetarisierung und die höchste Kapitaldienstfähigkeit ermöglichen wird.

Ihre
Georgiy Michailov (Managing Partner) und Christian Stiefel (Manager)

So können Sie uns erreichen:
g.michailov@struktur-management-partner.com
Telefon +49(0)221/91 27 3 15

Unser aktuelles BranchenForum zum Thema finden Sie hier als PDF.

 

(Quellenangaben:)

[1]: www.transportenvironment.org/publications/recharge-eu-how-many-charge-points-will-eu-countries-need-2030

[2]: www.transportenvironment.org/publications/electric-surge-carmakers-electric-car-plans-across-europe-2019-2025

[3] https://graphics.reuters.com/AUTOS-INVESTMENT-ELECTRIC/010081ZB3HD/index.html

[4] https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Pressemitteilungen/2020/20200707-hoehere-foerderung-fuer-elektrofahrzeuge.html

[5] https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/wirtschaftspolitik/eine-million-elektroautos-bis-2020-merkel-haelt-an-absatzziel-fest-12196498.html

[6] https://www.electrive.net/2020/07/02/214-269-umweltbonus-antraege-bis-ende-juni[


Georgiy Michailov
Managing Partner
Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)
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Christian Stiefel
Manager
Master of Science in Finance, Corporate Finance and Turnaround Management

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