Mehr Mut, mehr Wachstum

Autor

Georgiy Michailov

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Wann – und wie – findet Deutschlands Wirtschaft den Ausweg aus der Stagnation?

2026 würde die Wende bringen, davon waren die meisten Ökonomen lange überzeugt. Die Konjunktur würde endlich wieder anziehen, allein schon wegen der staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung.

Doch dann ließen die erhofften Reformen der Politik (Gesundheitssystem, Rente, Steuer) auf sich warten. Und es kam – der Irankrieg. 

Ob der IWF, die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute oder der Sachverständigenrat der Bundesregierung (die „Fünf Weisen“): Sie alle strichen in den vergangenen Wochen ihre einst optimistischen Prognosen für 2026 zusammen. 

Inzwischen erwarten viele Ökonomen für Deutschland nur noch ein Wachstum von gut einem halben Prozent. Die Zahl der Unternehmen, die angesichts hoher Energiepreise oder viel Bürokratie ihr Heil im Ausland suchen, Stellen streichen oder gleich ganz den Betrieb einstellen, wächst. 

Allein 2025 registrierten die deutschen Amtsgerichte rund 24.000 beantragte Unternehmensinsolvenzen – ein neuerliches Plus von 10,3 Prozent, nachdem diese Zahl bereits 2024 und 2023 jeweils um mehr als 20 Prozent gestiegen war.

Die Entwicklung der Wirtschaft hierzulande ist bedenklich, denn Deutschland hat bereits viele schwierige Jahre hinter sich. Ein Aufschwung wäre dringend nötig. 

In seinem Buch „Absturz“ schreibt der Ökonom und Publizist Dr. Daniel Stelter, Deutschland durchlebe die „längste Stagnationsphase der Nachkriegsgeschichte“. Es habe inzwischen sechs Jahre wirtschaftlichen Stillstands hinter sich. 

Aber Moment – sechs Jahre? Wirklich? Gab es nach der Pandemie nicht ein Comeback der Wirtschaft? 

Schauen wir einmal näher hin: Noch 2018 stieg das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt um 1,1 Prozent, 2019 um genau ein Prozent. Keine Wunderzahlen, aber immerhin. 

2020 beschert die Pandemie der deutschen Wirtschaft dann einen Einbruch um mehr als vier Prozent. Diesen konnte sie zwar schon im Jahr darauf fast komplett kompensieren, gefolgt von einem Anstieg um 1,8 Prozent im Jahr 2022. 

Doch dann kamen zwei Jahre Rezession (-0,9 Prozent, -0,5 Prozent) sowie 2025 magere 0,2 Prozent Wachstum. Es braucht nur simple Mathematik, um zu sehen, dass die Summe der vergangenen Jahre eine „schwarze Null“ der anderen Art ist. 

Daniel Stelter hat leider schlicht Recht, wenn er in seinem Buch schreibt:

„Das Bruttoinlandsprodukt lag Ende 2025 auf etwa dem gleichen Niveau wie im Jahr 2019.“

Selbst das minimale Wachstum im vergangenen Jahr vermag Stelter nicht zu erfreuen. Verantwortlich dafür seien vor allem Konsumausgaben des Staates und der privaten Haushalte gewesen. Die Exporte hingegen seien gesunken, desgleichen die Investitionen, letztere sogar zum vierten Mal in Folge. 

Entsprechend liege das deutsche Produktionspotenzial heute rund fünf Prozent niedriger, als noch vor einigen Jahren erwartet worden sei, schreibt Stelter.

Seit Jahren erklärt Stelter unermüdlich, was seiner Ansicht nach schiefläuft in diesem Land, welche Folgen drohen und was zu tun ist. Die einen nervt er, weil er ständig kritisiert, warnt und mahnt. Die anderen schätzen ihn genau dafür. Zumal er sich mit vielem, über das er schreibt und spricht, gut auskennt. 

Stelter hat 23 Jahre lang für die Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG) gearbeitet, zuletzt in hochrangigen Funktionen. In der Zeit der Banken-, Wirtschafts- und Eurokrise publizierte er populäre Bücher und etablierte sich als unabhängige Stimme. Ab 2018 wendete er sich den Problemen der hiesigen Wirtschaft zu.

Bekannt ist Stelter heute vor allem für seinen Wirtschaftspodcast „beyond the obvious“, der mit bisher rund zehn Millionen Streams zu den erfolgreichsten hierzulande zählt. Zudem schreibt er eine Kolumne fürs Handelsblatt (sowie Beiträge für Cicero, Focus und andere), er gibt Interviews, hält Vorträge. 

Natürlich lässt sich über einzelne Elemente von Stelters Analysen und Empfehlungen trefflich streiten. Aber man kann Stelter kaum absprechen, dass er aus ernster Sorge heraus argumentiert – und aus Überzeugung, dass Deutschland ökonomisch wieder erstarken könnte, wenn Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mehr Aufbruch wagen. 

Stelter sieht fünf Säulen des Wohlstands: Demographie, Produktivität, Bildung, Energie, Innovation. In seinem Buch analysiert er die Defizite, die dort aktuell herrschen, und nennt Maßnahmen, die die Politik ergreifen müsste – wenn sie denn tatsächlich die Ursachen (statt nur die Symptome) behandeln möchte. 

Hier will ich zwei dieser Säulen herausgreifen, die mir besonders wichtig erscheinen, weil sie von vielen in ihrer Tragweite noch unterschätzt werden. 

Stichwort Demographie – Stelter sagt: 

„Wir werden demnächst eine schrumpfende Erwerbsbevölkerung haben, die gleichzeitig immer mehr Alte ernähren muss.“

In der Tat: Der deutsche Arbeitsmarkt befindet sich Forschern zufolge aktuell an einem Wendepunkt, dessen Brisanz vielen noch nicht klar zu sein scheint. 

Laut Statistiken lag 2025 der Pool der Erwerbspersonen (der alle Erwerbstätigen umfasst sowie die Erwerbslosen – Menschen, die arbeiten können und wollen, es aber gerade nicht tun) bei 47,5 Millionen. Eine stolze Zahl. Nur: Von nun an geht es damit unweigerlich abwärts. Die geburtenstarken Jahrgänge der Sechzigerjahre scheiden aus dem Berufsleben aus, zu wenige Junge kommen nach. 

Konkret heißt das: Jahr für Jahr wird der Pool der Erwerbspersonen um 200.000 Menschen schrumpfen. So rechnete es jüngst ein Arbeitsmarktökonom des IAB vor. 

Macht binnen zehn Jahren zwei Millionen Erwerbspersonen weniger. Die Folgen kann sich jeder ausmalen. Schon heute klagen viele Unternehmen, Restaurants, Krankenhäuser oder Behörden über Fachkräfte- und Personalmangel. 

Ein anderes Problem – Innovation. 

Viel zu häufig schafft Deutschland es nicht, große Expertise in Grundlagenforschung, Universitäten oder Unternehmen in neue Produkte und Dienstleistungen zu übersetzen. Oder es dauert zu lang. 

Deutschland mangelt es derzeit (noch) an den Unternehmen, dem Kapital und der Gründungskultur, um Zukunftstechnologien wie KI, Quantencomputing oder Biotechnologie führend mitzugestalten. Das Land, dessen Konzerne das Industriezeitalter prägten und davon profitierten, verliert im globalen digitalen Wettbewerb an Boden. Stelters Befund:

„Was in Zukunft Wohlstand schaffen wird, kommt nicht aus Deutschland.“

Natürlich gibt es auch bei uns ambitionierte Startups und erfolgreiche Gründer. Doch noch reden wir hierbei eher über Einzelfälle. 

Die World Intellectual Property Organization (WIPO), zählte jüngst 33 deutsche Einhörner (neue Firmen, die mit einer Milliarde US-Dollar oder mehr bewertet werden). In den USA zählt sie 718, in Indien 66 und im Vereinigten Königreich 57. 

Stelter wünscht sich generell wieder mehr Lust auf das Neue, auf Risiko – und ein Umfeld, das dies fördert. Dazu gehöre eben auch, dass Mut belohnt werde. 

„Wir müssen den Leuten die Chance geben, durch harte Arbeit und gute Ideen reich zu werden.“

Stelter ist überzeugt, dass ein „Aufbruch 2030“ prinzipiell möglich ist. Umso weniger versteht er, warum viele Akteure in Deutschland – in Politik wie Wirtschaft – noch immer alten Wohlstandsillusionen anhängen, Probleme schönreden und lieber über Verteilungsfragen diskutieren statt über eine Rückkehr zu mehr Wachstum. 

Für ihn geht es bei der Debatte nicht nur um Wohlstand um des Wohlstands willen. So sagt er auch: Wer mehr Wohlstand schaffe, habe weniger mit Verteilungskonflikten zu kämpfen – und das sei gut für die politische Stabilität.

Der passende SMP LeaderTalk zum Thema:

29. April 2026

SMP LeaderTalks

#143 | Deutschlands stiller Niedergang - Georgiy Michailov trifft Dr. Daniel Stelter

„Den meisten ist Deutschlands Niedergang überhaupt nicht bewusst.“  

Georgiy Michailov Managing Partner Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)

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