Viele Menschen würden diese Frage wahrscheinlich spontan verneinen. Sie verbinden mit Demut eher politische oder religiöse Persönlichkeiten.
Vielleicht Angela Merkel, die nach 16 Jahren Kanzlerschaft sagte, sie empfinde zum Abschied „Dankbarkeit und Demut – Demut vor dem Amt, das ich so lange ausüben durfte; Dankbarkeit für das Vertrauen, das ich erfahren durfte“.
Vielleicht Jimmy Carter, dessen Wirken weit über seine Zeit als US-Präsident hinausreichte, ihm den Friedensnobelpreis einbrachte und weltweit viele Bewunderer fand.
Oder auch Benedikt XVI., der 2005 – frisch zum Papst gewählt – auf die Loggia des Petersdoms trat und sich selbst als „einfachen und bescheidenen Arbeiter im Weinberg des Herrn“ bezeichnete.
Gerade in der Wirtschaft assoziieren viele „Demut“ mit Zurückhaltung, Zögern oder Unsicherheit, mit einem eher kraftlosen, allzu zurückhaltenden Auftreten, bei dem sich jemand kleiner macht, als er ist. Führungskräfte sollen Unternehmen aber doch den Weg weisen, ihre Teams überzeugen und Stärke ausstrahlen – oder?
Wer diesen Gegensatz aufmacht, der folgt einem falschen Verständnis dessen, was Demut tatsächlich ausmacht. Zumindest in den Augen von Dr. Franziska Frank.
Frank ging in England zur Schule, studierte Geschichte in Cambridge und promovierte in Jura in München. Nach ein paar Jahren bei der Boston Consulting Group wechselte sie zur Managementhochschule ESMT in Berlin, wo sie seit 20 Jahren Programmdirektorin ist. Im Jahr 2021 veröffentlichte Frank ihr Buch „Mit Demut zum Erfolg“, das später auch auf Englisch erschien.
Selbst hat Frank bisher rund 4.500 Führungskräfte und Beschäftigte zum Thema Demut befragt, unter ihnen viele Vorstände, CEOs, Geschäftsführer und Aufsichtsräte. Darüber hinaus gibt es international rund 250 Studien, für die insgesamt mehr als 40.000 Führungskräfte und Mitarbeiter befragt wurden.
Zusammen bilden diese Untersuchungen einen reichen Fundus, auf dessen Basis Frank heute Unternehmen, Teams und Einzelpersonen berät. Immer im Zentrum: Fragen der Demut, Einflussnahme und Kommunikation.
Für Frank ist Demut ein zentrales Element moderner Führung – und eine Tugend, die gerade CEOs, Vorständen und Führungskräften in der Wirtschaft gut ansteht.
Den Wurzeln des Wortes nach bedeutet Demut so viel wie „dienend“, „dienstwillig“ oder mit der „Gesinnung eines Dienenden“ auftretend. Andere verbreitete Assoziationen sind „bescheiden“ oder „bodenständig“, mitunter aber auch Selbsterniedrigung oder Unterwürfigkeit. Auf jeden Fall wurde über die Jahrhunderte viel über Sinn und Bedeutung von Demut gestritten.
Laut Dr. Franziska Frank definiert die Forschung heute Demut über vier Kernelemente:
Hier geht es um eine gesunde, realistische Selbsteinschätzung, darum, zu wissen, was man kann und was nicht.
Wenn ich etwas gut kann, darf ich das auch sagen und zeigen, solange dies fürs große Ganze wichtig ist. Andernfalls handelt es sich um Effekthascherei und Arroganz.
Umgekehrt ist es gut, seine Defizite zu kennen, denn dann können wir an ihnen arbeiten oder Unterstützung durch andere holen, die sie ausgleichen.
Darunter fällt zum Beispiel, sichtbar anzuerkennen, wenn jemand über Expertise verfügt. Das bedeutet nicht, das eigene Licht unter den Scheffel zu stellen, wohl aber, sich nicht als Allwissender aufzuspielen, sich nicht über andere zu erheben. Denn: Diese könnten ja auch Recht haben.
Ähnlich wichtig ist der ernste, authentische (nicht aufgesetzte!) Respekt dafür, dass auch andere ihren Beitrag zum gemeinsamen Erfolg leisten. Jeder Mensch will gesehen, wertgeschätzt und als Teil des Ganzen wahrgenommen werden.
Das ist leichter gesagt als getan, gerade für Führungskräfte. Je höher Manager steigen, desto schwerer fällt es vielen, auch einmal zu sagen: Das weiß ich nicht. Da muss ich mich erst einarbeiten. Das finde ich interessant, aber damit muss ich mich noch näher beschäftigen. Dies einzuräumen und dann auch zu tun, zeugt von Größe.
Die Frage ist: Haben wir tatsächlich ein Growth Mindset und wollen uns entwickeln? Nehmen wir Veränderungen und Herausforderungen wirklich bereitwillig an?
Menschen neigen Frank zufolge zu zwei Zuschreibungsfehlern. Im Gespräch für die SMP LeaderTalks sagte sie:
„Auf der einen Seite sind wir oft für mehr Dinge zuständig, als wir wahrnehmen (…). Auf der anderen Seite sind wir für sehr viel weniger zuständig, als wir denken.”
Vor allem, wenn es ihnen gut ergeht, schreiben Menschen dies gerne ihrem eigenen Tun, ihren Entscheidungen zu – statt ihrer Heimat, ihrer familiären Herkunft, den Umständen oder dem Glück. Sich dieser externen Faktoren bewusst zu sein und die eigene Bedeutung nicht zu überschätzen, ist so wichtig wie das Zurückstellen des eigenen Egos, der persönlichen Interessen, wenn es dem übergeordneten Ziel dient.
Frank zufolge gibt es nachweislich rund 20, 25 positive Effekte von Demut – für die Organisation und die Mitarbeiter, aber auch für die Führungskraft selbst.
So lasse sich zum Beispiel zeigen, dass demutsvolle Menschen bessere Beziehungen zu anderen hätten. Sie stellten sich nicht über andere, und das werde von ihrem Umfeld sehr wohl registriert, mit messbar positiven Folgen, etwa bei den Patienten von Ärzten oder Therapeuten.
Ein anderer Effekt laut Frank:
„Eine demutsvolle Führungskraft schafft ein Gefühl der psychologischen Sicherheit, in der es den Mitarbeitern leichtfällt, innovativ zu sein.”
Innovationen seien nun mal mit Fehlern verbunden, und wer sich nicht als perfekt präsentiere, sondern auch selbst als fehlbar zeige, schaffe den nötigen Raum dafür. Der ermuntere und motiviere die Mitarbeitenden.
So verstanden, können Vorstände und andere Manager zugleich demütig und selbstbewusst sein, zuhörend und voranschreitend, leise und kraftvoll.
Nicht ohne Grund steckt in der Demut auch der „Mut“, das Wollen. Gerade wer Demut als innere Haltung versteht, kann als Führungskraft viel bewirken, denn aus gelebter Demut kann große innere Stärke und große Überzeugungskraft erwachsen.
Frank ist überzeugt, dass sich Demut trainieren lässt. Krisen lehren Demut. Gleiches gilt für das Nachdenken über die Endlichkeit des Lebens, wie es im lateinischen Spruch „Memento mori“ zum Ausdruck kommt. Dieser gemahnt einen Menschen, sich stets der eigenen Vergänglichkeit bewusst zu sein.
Ein verwandtes Thema, mit dem Frank sich in Zukunft noch näher befassen möchte, ist die Frage, wie selbst gebildete Menschen zu Tätern werden, wie sie jede Demut verlieren und sich dem Bösen ganz hingeben.
Der Hintergrund für dieses Interesse ist zutiefst persönlich: Ihr Großvater war Hans Frank, ein enger Vertrauter Adolf Hitlers, bekannt als der „Schlächter von Polen“, der im ersten Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilt und 1946 gehängt wurde. Ihr Vater Niklas Frank setzt sich seit Jahrzehnten schonungslos mit diesem düsteren Erbe auseinander – und auch sie lässt es nicht los.