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Insights

Moralischer Kompass in stürmischen Zeiten

Autor

Georgiy Michailov

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Oder: Wo Moral endet und Moralisierung beginnt

Warum ist es so schwer, ein guter Mensch zu sein?

Mit dieser Frage habe ich mich schon in der Vorbereitung auf mein Gespräch mit einem der besten deutschen Verhaltensökonomen, Professor Armin Falk, befasst (die dazu gehörige Podcast-Folge "Der Preis der Moral" finden Sie hier ). Ähnlich erging es mir, als ich weiter recherchierte und mehr las, um für ein Treffen mit dem Philosophie-Professor Markus Gabriel „gewappnet“ zu sein. „Gewappnet“ sage ich, weil es nun einmal eine anspruchsvolle Materie ist, vor der ich sehr viel Respekt habe! :)

Zunächst möchte ich mit der Perspektive von Professor Falk beginnen, der zu dem Thema gleich ein ganzes Buch geschrieben hat (meinen Buchtipp dazu finden Sie hier). Seine Botschaft ist klar:

Menschen sind nicht per se gut oder böse, sondern beides, und „Gutes“ zu tun, ist eine Entscheidung, eine Handlung – die mal so, mal so ausfällt. Immer wieder aufs Neue.

Je nach Situation, je nach Tagesform und auch je nachdem, wie sich andere verhalten.

In den Experimenten der Verhaltensökonomen geht es in aller Regel nicht um Gedankenspiele, sondern um hartes Geld. So auch in einem sehr bekannten Experiment: Falk stellte Studenten vor die Wahl, zusätzlich zur Aufwandsentschädigung für ihre Teilnahme 100 Euro zu erhalten – oder darauf zu verzichten und so eine Spende zu veranlassen, durch die, statistisch betrachtet, ein Mensch, der an Tuberkulose erkrankt war, überleben würde.

Nur 57 Prozent der Probanden, also gerade gut die Hälfte der Studenten, entschied sich für den Verzicht. Der Rest wählte das Geld und erhielt die 100 Euro – obwohl alle ausführlich über Tuberkulose und ihre Behandlung aufgeklärt worden waren. Mit den Spenden – die tatsächlich an eine Hilfsorganisation gingen – konnten laut Falk 7145 Tuberkulosekranke behandelt und 1200 Leben gerettet werden.

„Ist das viel oder wenig? Ich weiß es nicht. Es ist, was es ist“, schrieb er zum Ausgang dieses Experiments. Falk verurteilt die Menschen nicht, er will sie nur realistisch betrachten und verstehen, warum sie handeln, wie sie handeln – um dann vielleicht Wege zu finden, wie wir das, was wir eigentlich als richtig erkannt haben, auch tatsächlich tun. Falk sagt:

„Moralisches Verhalten wird oft durch die Kosten und Nutzen beeinflusst, die eine Person in einer bestimmten Situation wahrnimmt.“

Es ist eine pragmatische, eine erkenntnis- und lösungsorientierte Einstellung, mit der ich persönlich viel anfangen kann. Wir geraten regelmäßig in einen Widerstreit zwischen dem, was moralisch geboten wäre, und unserem Wohlbefinden, unserem persönlichen Nutzen (Falk nennt dies den „fundamentalen Zielkonflikt“).

Während Falk das moralische Verhalten oft mittels der individuellen Wahrnehmung von Kosten und Nutzen analysiert, nimmt die postmoderne Philosophie eine andere Perspektive ein. Diese entwickelte sich im späten 20. Jahrhundert und stellt eine radikale Abkehr von den großen Erzählungen und universellen Wahrheitsansprüchen der Moderne dar. Dieser Paradigmenwechsel hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Moral und Ethik betrachtet werden.

Der Postmodernismus propagiert oft einen moralischen Relativismus.

Moralische Werte und Normen werden als Produkte spezifischer Kulturen, Zeiten und Kontexte gesehen. Es gibt demnach keine objektiven, die Zeit überdauernden moralischen Prinzipien, sondern nur eine Vielzahl von moralischen Systemen, die in unterschiedlichen Zusammenhängen existieren.

Der Franzose Michel Foucault (1926-1984), einer der einflussreichsten postmodernen Denker, argumentierte, dass Machtstrukturen und Diskurse eine zentrale Rolle bei der Formung dessen spielen, was als moralisch akzeptabel gilt.

Moral ist demnach nur ein Effekt von Machtverhältnissen und nicht Ausdruck einer universellen Vernunft.

Dies impliziert, dass moralische Normen immer auch Ausdruck von Macht und Herrschaft sind – und daher kritisch hinterfragt werden müssen.

Ein simples Beispiel, worum es geht: Der Postmodernismus würde die allgemein gültige Natur der sogenannten „Goldenen Regel“ –

„Was du nicht willst, dass man dir tu', das füg' auch keinem andern zu“

– wahrscheinlich anzweifeln. Schließlich sei dies nur ein willkürlicher, primär westlich geprägter Moralkanon, andere Kulturen hätten gänzlich andere Werte. Überzeugungen würden lediglich bestehenden Machtverhältnissen dienen, statt universell gültig zu sein.

Auch die „Woke“-Bewegung folgt diesem Narrativ. Sie betont, dass viele der als selbstverständlich angesehenen sozialen Normen und Praktiken eigentlich Ausdruck von historischen und gegenwärtigen Machtverhältnissen sind, die diskriminieren, ja unterdrücken. Diese Bewegung kritisiert universelle moralische Narrative, insbesondere solche, die aus ihrer Perspektive von privilegierten Gruppen aufgestellt wurden. Sie betont, dass marginalisierte Gruppen ihre eigenen moralischen und ethischen Standpunkte haben, die oft übersehen oder unterdrückt werden. Genau diese Perspektiven und Erfahrungen von marginalisierten Gruppen sind demnach in den Vordergrund zu rücken. Auch dies steht im Einklang mit der postmodernen Betonung auf die Pluralität der Perspektiven.

Diese kritische Haltung spiegelt eine tiefgehende moralische Überzeugung wider, dass Gerechtigkeit nicht nur durch individuelle Handlungen, sondern auch durch systemische Veränderungen erreicht werden muss.

Markus Gabriel, der in Bonn bereits mit 29 Jahren einen Lehrstuhl für Philosophie erhielt (und damit als Jüngster hierzulande) und in den vergangenen Jahren als Shooting-Star der deutschen Philosophie gefeiert wurde, nimmt wieder eine andere Haltung ein. Er plädiert im Unterschied zum Postmodernismus für einen moralischen Realismus, der die Existenz objektiver moralischer Tatsachen anerkennt. In einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk sagte er 2018:

„Es gibt nicht verschiedene Wahrheiten. Es gibt nicht russische und chinesische Werte im Unterschied zu den jüdisch-christlich-abendländischen Werten. Was es gibt, sind ausschließlich universelle Werte, die sich aus der Selbstbestimmung des Menschen ableiten lassen. Alles andere – die Idee ‚alternativer Tatsachen‘, verschiedener Wahrheiten, die ‚kulturrelativ‘ sind, die ‚Konstruktion des Sozialen‘ und so weiter –, das sind nur Ausreden zur Vermeidung der Konfrontation mit den Tatsachen.“

Die moralischen Tatsachen sind nicht einfach Effekte von Machtstrukturen, sondern sie besitzen eine unabhängige Realität.

Gewisse moralische Wahrheiten, wie die Verwerflichkeit von Folter oder Sklaverei, sind universell gültig und können nicht bloß als soziale Konstruktionen oder kulturelle Artefakte verstanden werden. Für ihn ist der moralische Relativismus eine gefährliche Position, da dieser die Grundlage für universelle Menschenrechte und moralischen Fortschritt untergraben könnte.

Ohne solche objektiven Grundlagen könnte die Moral gar in einen zynischen Machtkampf degenerieren, in dem die Stärkeren oder die Lauten ihre Sichtweisen den anderen Menschen aufzwingen.

Deswegen ist es wichtig, die moralischen Tatsachen zu erkennen. Sei es durch Nachdenken oder auch Empathie. Die Prosozialität und unsere Reziprozität brachten die erwähnte Goldene Regel hervor, die in einer anderen Fassung so geht:

„Behandle andere so, wie du von ihnen behandelt werden willst.“

Es gibt aber nicht nur „gute“ und „böse“ moralische Tatsachen, sondern auch neutrale! Nicht alles, was wir tun, fällt in die Kategorien des Guten und des Bösen. Viele alltägliche Handlungen sind moralisch neutral, was die Menschheit in der Vergangenheit etwa anhand der menschlichen Sexualität lernen musste. Vieles von dem, was früher als unmoralisch galt (etwa gleichgeschlechtlicher Sex), haben wir längst als moralisch neutral durchschaut – was zu moralischem Fortschritt führt.

In diesem Kontext darf man die Ethik nicht vergessen, die sich mit Kriterien, Prinzipien und Werten befasst, anhand derer Handlungen moralisch beurteilt werden können. Auch die Definition und die Rechtfertigung des moralisch Richtigen oder Falschen stehen im Fokus der Ethik. Markus Gabriel schreibt:

„Die Ethik befasst sich mit höherer Moralität, also zunächst mit demjenigen, was wir Menschen als solchen schulden und was wir angesichts der Tatsache, dass wir alle Menschen sind, tun bzw. unterlassen sollten.“

Für Gabriel dient Philosophie nicht nur dazu, die Welt zu interpretieren, sondern auch dazu, sie zu verbessern, indem sie uns hilft, wahre moralische Einsichten zu gewinnen und falsche Überzeugungen zu korrigieren.

Was uns nicht hilft, die Welt zu verbessern, ist die aktuell in sehr vielen Bereichen Einzug findende Argumentation mit Appellen oder Begründungen, die für mich einer moralischen Keule gleicht.

Die überbordende Moralisierung bei Klimawandel, Genderfragen, Identitätspolitik oder Konsumverhalten führt dazu, dass man in vielen Themen kaum noch frei von einzig richtigen moralischen Wertungen und entsprechenden Schuldzuweisungen diskutieren kann.

Die Welt wird sehr schnell in Schwarz oder Weiß aufgeteilt, die bunten Töne dazwischen existieren in dieser Welt nicht mehr. Vor allem werden dabei weder die Komplexität der Sachlage noch die verschiedenen Perspektiven ausreichend berücksichtigt. Fakten treten in den Hintergrund, zwanghaftes „Gutmenschentum“ wird zur Leitlinie.

Diese Schwarz-Weiß-Malerei durchzieht aktuell fast alle kritischen Debatten. In den sozialen Medien wird von vielen – oder auch wenigen, aber dafür sehr aktiven – Menschen ein wahrer Überbietungswettbewerb der Empörung und Anprangerung zelebriert. Wer nicht auf der vermeintlich richtigen Seite steht, wird angefeindet, ausgegrenzt und im Zweifelsfall gecancelt. Schließlich muss das „amoralische“ Verhalten sofort bestraft werden.

Die Konsequenzen sind für die Findung der besten Lösungen fatal, weil jede Position sofort unter Richtigkeitsverdacht steht. Statt Argumente interessiert nur noch die vermeintliche Gesinnung. Kompromissbereitschaft oder gar Ambiguitätstoleranz werden als Mangel an Überzeugung abgetan.

Eine Gesellschaft aber, die vor lauter Gut-Böse-Schablonen keine Kompromisse mehr kennt, zerfällt unweigerlich in unversöhnliche Lager. Eine holistische Ethik braucht jedoch zwingend den Mut zur Vieldeutigkeit, zum Zweifel und zur Bereitschaft, andere Perspektiven gelten zu lassen.

Wenn nur das eigene Moral-Signaling zum Selbstzweck erklärt wird, gibt das der gesellschaftlichen Selbstinszenierung mehr Raum als dem wahren moralischen Handeln (und dem moralischen Fortschritt).

Georgiy Michailov Managing Partner Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)

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