Wenn das Streben nach einem Ideal ins Destruktive kippt

Autor

Georgiy Michailov

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Wann wird aus der Selbstoptimierung eine Selbstversklavung?

Es war diese sehr spannende Frage, die mich in meinem jüngsten, zweiten Austausch mit Klaus Eidenschink in den „SMP LeaderTalks“ am meisten berührte. 

Eidenschink ist ein Freigeist. Er ist Diplom-Theologe, hat Philosophie und Psychologie studiert, ließ sich später in Körper-, Gruppen- und Familientherapie weiterbilden. Heute arbeitet er vorrangig als Executive Coach, der Manager, Teams und Abteilungen in Konzernen oder mittelständischen Firmen berät. 

Zudem ist Eidenschink Co-Leiter des Hephaistos-Zentrums in München (das Aus- und Fortbildungen für andere Coaches anbietet) und eines Gestalttherapeutischen Zentrums in Würmtal (das sich an Privatpersonen und Paare richtet). Seine Prinzipien und Ansichten hat er über die Jahre in vielen Artikeln und Büchern (wie „Die Kunst des Konflikts“ oder „Entscheidungen ohne Grund“) dargelegt.

Ich schätze Klaus Eidenschink sehr. Seit nunmehr 35 Jahren befasst er sich mit Menschen, Organisationen und Veränderungsprozessen aller Art. Wer bei ihm Rat sucht, lernt genauer hinzuschauen, sich auch mit bisher „blinden Flecken“ zu beschäftigen oder gängige Sichtweisen zu hinterfragen. 

Das kann einem schwerfallen, führt aber umso weiter. 

Nehmen wir das Konzept der Selbstentwicklung, das ich vor rund 25 Jahren durch Jens Corssen kennenlernte. Es öffnete mir die Augen dafür, dass es an uns selbst ist, unsere Potenziale zu entfalten und Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. 

Auch die Selbstoptimierung ist mir alles andere als fremd. Ich liebe es, mich mit Ernährungstipps, Fitnesstrends, Schlaf oder technischen Gadgets zu befassen und Neues auszuprobieren. So habe ich in den vergangenen Jahren vieles dazugelernt und manche neue Routine in meinen Alltag integriert.

In seinem 2024 veröffentlichten „Verunsicherungsbuch“ wirft Klaus Eidenschink nun allerdings eine Frage auf: Wie sehr ist das moderne, von Gurus, Trends und Büchern befeuerte Bemühen, immer besser zu werden und sein Glück zu finden, auch wieder nur ein Mittel zum Zweck?

So schreibt er im Einstieg: 

Erfolg, Sport, Kinder, Sex, Arbeit und Reisen können in ihrer seelischen Funktion den gleichen Stellenwert haben wie Schnaps. Sie lenken ab von unangenehmen Gefühlen, vom Schmerz früh erlebter Wunden, von Einsamkeit, von Sinnlosigkeit, von fehlender emotionaler Tiefe oder der Unbeholfenheit, intensiven Kontakt mit anderen zu erleben.

Im Gespräch erläuterte er etwas genauer, weshalb er den heute allgegenwärtigen Trend zur Selbstoptimierung für schwierig hält. 

Sein Gedanke: Wollten Menschen früher gute Menschen sein, hielten sie sich an strenge Normen, die in der Regel aus der Erziehung, der Religion, der Kultur und Tradition kamen. Sie hatten diese Normen verinnerlicht. Sie versuchten, ihnen stets gerecht zu werden, doch natürlich gelang dies keinem Menschen. 

Diese Ordnung existiere in dieser Form nicht mehr, erklärt Eidenschink. Heute stehe vor allem das Ich im Zentrum. Als wünschenswert gelte heute nicht mehr ein gottgefälliges Leben, sondern vor allem das persönliche Glück – und damit Erfolg, Gesundheit, Sportlichkeit, Weltläufigkeit, Reichtum, Ansehen und vieles mehr. 

Das Problem, so Eidenschink: 

Eine Orientierung an einem Ideal ist viel umfassender und letztlich viel destruktiver als eine Norm.

Was er damit meint? Normen gleichen einem externen Maßstab, und wenn jemand diesem Maßstab nicht genügt, kann er sagen: Ich habe einen Fehler gemacht, ich bitte um Vergebung – und versuche es erneut. Ähnlich wie bei der katholischen Kirche und ihrem Ritual der Beichte. 

Anders ist es mit dem Glücksideal und den daraus abgeleiteten Vorstellungen vom idealen Leben. Denn: Ein Mensch kann immer noch besser werden: noch sportlicher sein, noch gesünder leben, noch mehr Länder bereisen, noch mehr Geld verdienen. 

Anders gesagt: Was immer ein Mensch leistet und erreicht – es ist nie genug. 

Gegen Ziele, sagt Eidenschink, sei nichts einzuwenden. Würden sie aber zum Ideal erhoben, dann halte er das für problematisch: 

Das ist wie ein Horizont: Je weiter ich gehe, desto mehr verschiebt er sich. So ist es auch mit einem Ideal.

Das setzt Menschen unter Stress. Unter Zwang, noch erfolgreicher oder noch schöner zu werden. Oder noch mehr Follower zu haben. Das Leben wird mühsam und die Selbstoptimierung zu einer Selbstversklavung unter ein Ideal, das wir am Ende ja doch nicht erreichen könnten. 

Ein gutes Beispiel dafür ist in Eidenschinks Augen ein Spruch, der heute manchmal fast wie eine alte Weisheit weitergereicht wird, in Wahrheit aber erst vor rund 25 Jahren von einem Australier formuliert wurde: 

„Werde die beste Version Deiner selbst.“ 

Viele Menschen verstehen diesen Spruch als Ansporn. Für Eidenschink erhebt der Satz hingegen einen Anspruch, an dem wir letztlich scheitern müssen – was nur in Frustration münden kann. Denn natürlich geht es immer noch besser. 

Im Übrigen liefert uns das Streben nach einem Ideal natürlich einen wunderbaren Grund, uns nicht mit unseren Ängsten, unserer Scham, unseren Komplexen zu befassen. Wir müssen ja noch ins Gym, auf die Konferenz, zum nächsten Städtetrip. 

An die Stelle der Selbstakzeptanz trete zunehmend die Selbstberauschung, so Eidenschink. Die Menschen fragten sich heute ständig, wer sie sein sollten – nicht, wer sie seien oder was sie selbst möchten. Dabei wäre es vielleicht besser, unser Innerstes zu erforschen und unsere wirklichen Bedürfnisse zu erkennen. 

Eidenschink spricht in diesem Zusammenhang von sechs Grundbedürfnissen: 

  • Nähe und Distanz, 
  • Freiheit und Sicherheit, 
  • Einzigartigkeit und Zugehörigkeit. 

     

Bedürfnisse widersprechen sich zum Teil. Wer eine Beziehung eingeht, der kann nur bedingt Distanz halten. Wer frei sein will, muss mit Unsicherheiten leben. 

Zum Umgang mit Bedürfnissen gehört es daher, mit frustrierenden Situationen leben zu können. Auszuhalten, dass ich nicht alles kriege. Eidenschink spricht von Frustrationstoleranz oder auch Frustrationskompetenz.

Ein anderer Schluss aus der Widersprüchlichkeit von Bedürfnissen ist, dass wir sie ständig aufs Neue ausbalancieren müssen. Daher zieht es Eidenschink auch vor, von einer Regulation unserer Bedürfnisse zu sprechen statt von ihrer Befriedigung. 

Zusammen sprachen wir über das Leben im Moment anstelle des Abhakens einer Bucket List, über Nietzsche und vieles mehr. Wieder einmal erwies sich Eidenschink als wahrhaft unabhängiger Denker, der wirklich versucht, zum Kern der Dinge vorzudringen, und selbst den Anspruch erfüllt, den er an einen guten Coach stellt:

„Ein Coach, der mir wirklich hilft, muss mir auch unangenehm werden.“

Der passende SMP LeaderTalk zum Thema:

19. November 2025

SMP LeaderTalks

#120 | Selbstversklavung an Lebensideale - Georgiy Michailov trifft Klaus Eidenschink

„Das Streben nach dem besten Ich ist Selbstversklavung an ein Idealbild.“

Georgiy Michailov Managing Partner Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)

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