Vom Segen der Selbstregulation

Autor

Georgiy Michailov

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Thoughts for Leaders

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Schwierige Situationen besser zu meistern, lässt sich lernen.  

Einer, der Menschen Tag für Tag dabei hilft, mit den dunklen Momenten des Lebens klarzukommen, ist Dr. med. Pablo Hagemeyer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Er hat viele Jahre in Kliniken gearbeitet, betreibt seit 2011 eine eigene Praxis im oberbayrischen Weilheim und kennt sich aus mit Angst, Depression, Narzissmus, bipolaren Störungen oder Psychopathie.

Bekannt wurde Pablo mit griffigen Formulierungen und mehreren Bestsellern. 2020 erschien „Gestatten, ich bin ein Arschloch“, bald folgten „Die perfiden Spiele der Narzissten“, „Verachtung“ und „Hör auf mit der Selbstsabotage“. 

In seinem jüngsten Buch „Der Patient, der mit der Stille sprach“ erzählt Pablo Geschichten aus seiner Praxis. Geschichten, die er mit Reflexionen über seine Arbeit oder Hintergrundwissen aus seinem Fachgebiet verwebt.  

Eine dieser Geschichten handelt von einem Paar, das eine völlig dysfunktionale Beziehung führte, angefüllt mit schlimmsten Vorwürfen, Lügen, Todesängsten, dem Wunsch nach Nähe, ständigem Streit und immer gleichen Handlungsmustern. 

Pablo schickte das Paar auf eine Reise. Die Veränderung der Umgebung sollte den beiden helfen, alte Schleifen hinter sich zu lassen. Er selbst begleitete den Trip per WhatsApp, in Einzelchats mit ihr, mit ihm, mit allen in einer Gruppe. Als die Lage mal wieder zu eskalieren drohte, schrieb er beiden: 

„Karma ist JETZT!“ 

Mit diesen Worten, die er ihnen schon vor der Reise erklärt hatte, signalisierte Pablo diesen zwei Menschen: Haltet inne, haltet eure üblichen Impulse unter Kontrolle! Reguliert wenigstens für einen Moment eure Gefühle, eure Gedanken, eure Handlungen! Denkt bitte über die Situation und euer Verhalten nach. 

Im Gespräch sagt Pablo: Der Satz sei als Appell zu verstehen, nicht in die alten Muster zu verfallen, sondern sich wie Erwachsene mit sich selbst, dem Gegenüber und dem Problem zu befassen. Jeder Mensch könne jede Sekunde neu entscheiden, ob er mit sich, dem Partner und dem Umfeld gut umgehe – oder nicht.

Inspiriert ist dies vom Konzept des Karmas: Jede Handlung hat Folgen. Wer andere gut behandelt, wird dafür belohnt werden, wenn auch vielleicht auf Umwegen. Wer Leiden und Unrecht verbreitet, wird später die Quittung dafür bekommen. 

Das größere Thema, um das es in dieser Geschichte geht, ist das Prinzip der Selbstregulation. Das Wissen, dass wir den Lauf der Dinge und unsere eigenen Verhaltensmuster durchbrechen können – dass wir jederzeit einen Schritt zurück machen, die Situation betrachten und unser Handeln ändern können. 

Klar: Einfach ist das nicht. 

Wir alle haben uns über die Jahre Reaktionsmuster angewöhnt, die uns schützen. Umgekehrt hat jeder „Knöpfe“, die andere nur drücken müssen, damit wir in die Luft gehen. Manchmal reicht dafür schon ein Wort, eine Geste. 

Es ist schwer, diesen Automatismen nicht zu folgen, vor allem in schwierigen Situationen. Steht der Mensch unter Druck, greift er schnell auf Bewährtes zurück, auf Muster und Verhaltensweisen, die ihm in der Vergangenheit geholfen haben. 

Das Problem dabei ist: Häufig passen diese Automatismen gar nicht zur konkreten Situation. Oder sie verschärfen die Lage, tragen dazu bei, dass ein Teufelskreis entsteht. In dem Fall wirken sie kontraproduktiv. Sie stehen dann dem Lösen von Problemen und der persönlichen Entwicklung im Wege. 

Kein Wunder, dass Pablo Hagemeyer – der auch als Referent, Dozent, Supervisor, Drehbuchberater sowie als Berater für KI-Anwendungen in der Psychiatrie tätig ist – mit einem gewissen Augenzwinkern, aber doch voller Ernst sagt:  

„Zwei Dinge sollte man in der Schule lernen: wie man eine Steuererklärung macht und wie man sich selbst reguliert.“

Das Schwierige an der Selbstregulation ist, dass wir sie nur bedingt in der eigenen Hand haben. Wie wir auf Situationen reagieren, hängt stark davon ab, wie unser Nervensystem und unser Gehirn funktionieren (wie mir die Neurowissenschaftlerin Dr. Karolien Notebaert jüngst anschaulich erklärte).

Prinzipiell stehen uns etliche Optionen zur Verfügung, unsere Selbstregulation zu stärken und bewusster zu handeln. Hier ein paar Beispiele:

  • Wir können dafür sorgen, dass wir genug schlafen, uns gesund ernähren und auf diese Weise unsere „mentale Batterie“ aufladen – um dann, wenn es darauf ankommt, möglichst ausgeruht zu reagieren.
  • Wir können Situationen, von denen wir wissen, dass sie uns vor Probleme stellen werden, meiden.   
  • Wir können Situationen verändern – und zur Not auch verlassen.
  • Wir können in einer schwierigen Situation unsere Aufmerksamkeit gezielt auf andere Aspekte, andere Reize richten, so dass wir gar nicht erst in Versuchung geraten, zu alten Automatismen zu greifen. 
  • Wir können schwierige Situationen für uns anders „framen“. Wir können sie antizipieren, sie durchspielen und uns im Vorfeld neue, bessere Reaktionsmuster zurechtlegen. Wie ein Instrumentenkasten, der parat steht und den wir anstelle der alten Automatismen nutzen können. 
  • Last, but not least: Wir können auch einfach nichts tun. Innehalten. Ein paar Sekunden reflektieren, was gerade geschieht. Und erst dann entscheiden. 

Vor allem der letzte Punkt ist mir wichtig, denn er adressiert einen Gedanken, den ich seit Jahren immer wieder zitiere und der mit diesen Worten beginnt: 

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum.“

Es gibt verschiedene Varianten, wie das Zitat weitergeht, und verschiedene Autoren, denen es zugeschrieben wird, doch viel wichtiger scheint mir: Es gibt diesen Raum, in jedem von uns! Wir können ihn schaffen, ihn betreten – und selbst unter widrigsten Umständen bleibt uns die Wahl, wie wir mit dem Erlebten umgehen. 

Darin liegt ein Moment der Selbstermächtigung. Freiheit. Und eine große Kraft.

Der passende SMP LeaderTalk zum Thema:

29. Juli 2026

SMP LeaderTalks

#156 | Karma ist jetzt - Georgiy Michailov trifft Dr. Pablo Hagemeyer

„Wenn wir uns etwas vertraut machen, dann haben wir dafür auch Verantwortung.“

Georgiy Michailov Managing Partner Dipl.-Volkswirt, B.M. (TSUoE)

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